E-Commerce in der Schweiz: Ausländische Anbieter auf der Überholspur

Globaler Konkurrenzkampf nun auch im Schweizer Onlinehandel

Medienmitteilung zum E-Commerce Report Schweiz 2018, Zürich, 25. Juni 2018

Als kleines Land hat die Schweiz im internationalen Vergleich eine recht eigenständige Anbieterlandschaft. Seit 2011 engagieren sich aber auch internationale Anbieter zielstrebig für die hohen Gewinnmargen in der Schweiz – und haben Erfolg. Was mit Zalando klein und laut begann, setzt Schweizer Anbieter heute ernsthaft unter Druck. Die Kraft der Wettbewerber erwächst aus Vorteilen bei der Währung und beim Zoll, aber auch aus grösserer Entschlossenheit bei der Ausrichtung auf den Kundennutzen. Schweizer Anbieter sind gefordert, ihr volles Potenzial zu mobilisieren, wollen sie im Wettbewerb nicht zurückfallen.

Der E-Commerce Report Schweiz untersucht, als einzige Studienreihe aus Sicht der Anbieter, seit 2009 Stellenwert, Wandel und Trends im Vertrieb an Endkonsumenten. Realisiert wird die Befragung vom Online-Zahlungsverarbeiter Datatrans und der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW.

Verlagerung zum E-Commerce in konstant hohem Tempo
Für fast 9 Mrd. CHF haben Schweizer Konsumenten 2017 Waren im Internet bestellt. Der Betrag entspricht bereits rund 10 % des stagnierenden Gesamtvolumens des Schweizer Detailhandels. E-Commerce wuchs 2017 um 10 % im Vergleich zum Vorjahr. Dabei ist der Bestellwert bei ausländischen Onlineanbietern mehr als doppelt so stark gestiegen wie bei den inländischen. Der Auslandsanteil liegt nun bei etwa 20 % – doppelt so hoch wie bei stationären Einkäufen. Über fünf Jahre betrachtet betrug das Umsatzwachstum der ausländischen Anbieter mehr als das Dreifache von inländischen. Für das laufende Jahr 2018 wird wiederum ein deutliches Wachstum erwartet.

Schweizer E-Commerce-Player mit eigenständigem Profil
Die über lange Zeit vom Ausland kaum beeinflusste Entwicklung des Schweizer E-Commerce-Marktes hat eine Reihe starker und innovativer E-Commerce-Player hervorgebracht, die auch im internationalen Vergleich herausstechen. Zu den herausragenden, im diesjährigen Studienbericht erwähnten Konzepten gehören Marktführer Digitec Galaxus mit seiner eigenständigen Positionierung und Wachstumsstärke, [email protected] mit seinem Vorantreiben des Frischeangebots und der hohen Qualität der Eigenauslieferungen, SBB mit ihrem Erfolg beim Smartphone-Ticketing, BRACK.CH mit seiner Fähigkeit, die eigenen Kernkompetenzen in vielfältigen Kooperationen einzusetzen, Beliani mit seiner internationalen Expansion über eine duale Vertriebsstrategie, Nespresso mit seiner Kraft der Kundenbindung und konsequenten Servicehaltung wie z. B. bei Recycling at Home, die Hotelplan-Tochter Bedfinder mit ihrem fokussierten Konzept der Anbindung an globale Metasearch-Plattformen, die PCP.COM-Gruppe mit ihrer durchgängigen, schnellen Logistik von der Beschaffung im Ausland bis zur STEG-Filiale, Ex Libris als Pionier einer radikalen Transformation im Handel und das Start-up Farmy, das mit einem neuen Logistikkonzept neue Möglichkeiten im Lebensmittel-E-Commerce auslotet.

«Der Schweizer E-Commerce-Markt mit seinen aufgeschlossenen und anspruchsvollen Kunden hat leistungsfähige nationale Anbieter hervorgebracht», erklärt Studienautor Wölfle. «Die Dynamik im E-Commerce bleibt allerdings hoch und niemand kann sich auf seinen Lorbeeren ausruhen».

Keine Trendwende beim traditionellen Einzelhandel
Selbst der im Vergleich zum Vorjahr wieder stärkere Euro und die gute Konjunktur lösen beim traditionellen Einzelhandel – anders als etwa in Deutschland – kein neues Wachstum aus. Die grundlegenden Treiber des Strukturwandels nagen weiter an der Substanz. Die bisher getroffenen Massnahmen im Bereich der Digitalisierung vermögen oft nicht mehr zu erreichen, als die Marktanteilsverluste zu verlangsamen. Zu den grössten Defiziten des Einzelhandels gehört, für seine stationär verfügbare Ware keine Anbindung an die Online-Suchprozesse der Kunden geschaffen zu haben.

Stationäre Geschäfte von Onlineanbietern sind anders
Der Trend, dass sich auch ursprünglich reine Onlineanbieter zunehmend in Ladengeschäften engagieren, ist keine Bestätigung des Geschäftsmodells des traditionellen Handels. Mit ihren stationären Kontaktpunkten machen E-Commerce-Händler ihr Unternehmen als Marke erlebbar. Sie erbringen gezielt ausgewählte, lokal nützliche Services. Sie belasten ihre kleinen Flächen nicht mit ihrem oft riesigen Warenangebot. Als Knoten in einem kanalübergreifenden Wertschöpfungsverbund sind sie trotzdem überaus leistungsfähig.

Transformation im Handel schreitet weiter voran
Die Beobachtung, wie sich traditionelle Handelsfunktionen verändern und mit neuen Beteiligten in neuen Konstellationen zu neuen Leistungskonzepten kombiniert werden, zeigt: Die digitale Transformation im Handel ist noch voll im Gange und es sind weitere, weitreichende Veränderungen im Vertrieb an Konsumenten zu erwarten. Angesichts der Gefahr, gegenüber schnelleren und leistungsfähigeren ausländischen Wettbewerbern zurückzufallen, sind auf Seiten Schweizer Anbieter mehr Entschlossenheit, mehr Tempo und mehr Bereitschaft erforderlich, Schlüsselfunktionen selbst zu erbringen und dazu allenfalls Kooperationen einzugehen.

Lokale Nähe der Schweizer Anbieter als Wettbewerbsvorteil?
Von den kundenunfreundlichen Merkmalen des grenzüberschreitenden Paketversands in die Schweiz auf dem gewöhnlichen Postweg haben Schweizer Anbieter lange profitiert. Nun aber optimiert auch Amazon seinen Export in die Schweiz – mit Hilfe der Schweizerischen Post. Lieferungen werden immer schneller und die Unterscheidungsmöglichkeit für nationale Anbieter wird immer kleiner. Wollten sie in der Zustelllogistik einen Wettbewerbsvorteil erzielen, müssten Schweizer Anbieter Wege und Mittel finden, die ihren ausländischen Wettbewerbern nicht offenstehen – wie z.B. [email protected] mit Eigenauslieferungen.

«Die Zustelllogistik wurde von vielen Schweizer Anbietern vernachlässigt», so Studienautor Wölfle. «Es wäre fatal, wenn ausländische Wettbewerber auf schweizerischem Boden bessere Lösungen hervorbrächten als einheimische Anbieter».

Umgang mit mächtigen digitalen Plattformen
Auch in der Schweiz gewinnen grosse digitale Plattformen immer mehr Macht und drängen sich zwischen Anbieter und Kunden. Die bisweilen beobachtbare Hassliebe in der Zusammenarbeit ist eine Folge der ambivalenten Rolle von Plattformen: Bei der Schaffung von Zugängen zu Kunden sind sie nicht nur Dienstleister, sondern zugleich auch Wettbewerber. Indes – es gibt keine Alternative dazu, als geeignete Formen der Zusammenarbeit zu finden. Im Studienbericht werden verschiedene Lösungsansätze behandelt.

Bezahlen ohne Klick: Seamless Payment
In wiederholten Einkaufsvorgängen ist die Durchführung der Bezahlung – gerade auf dem Handy – eine lästige Sache. Aber es geht auch ohne – mit Seamless Payment. Hier ist die Schweiz vorne mit dabei, z.B. flächendeckend im gesamten öffentlichen Verkehr mit Apps wie Lezzgo oder Fairtiq. Ist einmal eine Rahmenvereinbarung getroffen und ein Zahlungsmittel hinterlegt, kann der Anbieter die Zahlung ohne weitere Handlungen des Kunden selbständig auslösen, während der Kunde die Leistung einfach bezieht.

Wachstumstrend im E-Commerce auch über die kommenden fünf Jahre stabil
Die Erwartungen des Studienpanels zur Umsatzentwicklung in den jeweils kommenden fünf Jahren sind seit Jahren nahezu unverändert: Die Hälfte der Studienteilnehmer erwartet, dass die E-Commerce-Umsätze mit physischen Waren im Jahr 2023 um 50 % oder mehr über denen des laufenden Jahres 2018 liegen werden. Die andere Hälfte erwartet ein niedrigeres Wachstum, niemand erwartet einen Rückgang. Im Fünfjahreszeitraum von 2012 bis 2017 lag das E-Commerce-Wachstum bei 53 %. Treffen die Erwartungen ein, ist im Jahr 2023 mit einem E-Commerce-Volumen in Höhe von 15 % des Schweizer Detailhandels zu rechnen.

Themen im E-Commerce Report Schweiz 2018

  • Standortbestimmung für den Schweizer E-Commerce im Jahr 2018
  • Stellenwert ausländischer Onlineanbieter (Stichworte: Amazon, Zalando, chinesische Anbieter, Google und Facebook)
  • Schweizer Onlinemarktplätze mit Waren (Stichworte: siroop, Galaxus, ricardo.ch)
  • Beurteilung der Perspektiven für den Schweizer Einzelhandel insgesamt
  • Logistik als Wettbewerbsvorteil?
  • Jahresschwerpunkt: Umgang mit mächtigen digitalen Plattformen
  • Bezahlen ohne Klick: Seamless Payment
  • Fortschreitende Transformation im Handel
  • Ausblick für den Schweizer E-Commerce für fünf Jahre ins Jahr 2023

Die Studie ist kostenlos verfügbar unter:
www.e-commerce-report.ch/bestellungen

Ziel
Der E-Commerce Report Schweiz untersucht, als einzige Studienreihe aus Sicht der Anbieter, jährlich Stellenwert, Wandel und Trends im vernetzten Handel.

Methodik

  • Langzeitstudie, jährlich wiederholt, seit 2009
  • Empirisch, primär qualitativ
  • Erhebung: Expertengespräche und Fragebogen
  • Erhebungszeitraum: 9. Januar bis 20. April 2018

Stichprobe

  • 35 in der Schweiz potenziell marktprägende Online- und Multichannel-Anbieter von Konsumgütern und Dienstleistungen
  • Zusammen repräsentieren sie ein E-Commerce-Volumen von über 6 Mrd. CHF.
  • Auswahlkriterien: mehrjähriger Erfolgsausweis im E-Commerce, Bedeutung in der Branche, Neuigkeitsgrad des Geschäftsmodells
  • Liste der Studienteilnehmer: www.e-commerce-report.ch/panel

Realisation
Institut für Wirtschaftsinformatik der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW im Auftrag von Datatrans, dem führenden Schweizer Spezialisten für Internet-Zahlungen.

Weitere Informationen
www.e-commerce-report.ch/presse

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